Eine Streit- und (Nach)Denkschrift des Kinderbeauftragten der Landesregierung zur forsa - Umfrage, veröffentlicht und kommentiert in der Volksstimme vom 13.03.2012

Leistungsanspruch und Konkurrenz haben die Kinder erreicht

Die forsa-Umfrage zur Gewalt in der Erziehung (Volksstimme vom 13.03.2012) macht deutlich, dass der Grundsatz der gewaltfreien Erziehung noch keineswegs in allen Kinderzimmern angekommen ist. Gleichwohl hat in der Tat die gesetzliche Verankerung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung im BGB zu einer Bewusstseinsänderung geführt, die auch historisch betrachtet von hohem gesellschaftlichem Wert ist. Das über Jahrhunderte bis in das Schulwesen hineinreichende Selbstverständnis von der Züchtigung des Kindes mittels Gewalt ist gebrochen, aber noch nicht in Gänze verschwunden. Das Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern hat sich verändert, aber noch nicht jede „Autoritätsperson” kann sich bis heute wirklich von seinen Gewaltfantasien frei machen. Die Umfrage selbst und die verschiedenen Kommentierungen von Wissenschaftlern und Verbänden befassen sich mit den Formen physischer Gewalt. Auch ich kann bestätigen, dass viele Kinder und junge Leute rückblickend von einer gewaltfreien Erziehung in ihren Elternhäusern berichten. Ja sie reagieren auf solche Fragen sogar schon mit Unverständnis, weil Gewaltfreiheit in den Beziehungen zwischen ihnen und ihren Eltern etwas  Selbstverständliches ist. Gut so. 

Was Kinder und Jugendliche immer öfter artikulieren ist der Leistungsdruck, der auf ihnen lastet und dem sie nicht entkommen können. Ich habe so den Verdacht, dass hier und da die physische Gewalt durch verschiedene bisweilen subtile Formen psychischer „Gewalt” ersetzt wurde. Dies scheint mir zu wenig erforscht und auch schwer nachweisbar, weil die Erforschung schwierig und die Folgen nicht sofort erkennbar sind. Und doch wird immer deutlicher, dass die Hochleistungsgesellschaft und das Konkurrenzdenken die Kinder erreicht hat und zunehmend die Kindheit bestimmen. Ich habe bisweilen den Eindruck, je weniger Kinder geboren werden und je weniger Kinder im Lande leben, je höher wird der Erwartungsdruck von außen auf die Familien und ihre Kinder. Und so wundert es mich nicht, wenn Eltern dem nachgeben und selbst Druck machen. Sie wollen schließlich gute Eltern sein und den Ansprüchen der Gesellschaft an die Elternschaft genügen.

 

 

Doch was macht das mit den Kindern?

Ein Instrument oder eine Fremdsprache zu erlernen, das können Kinder auch später noch. In zunehmendem Alter tun sie das dann auch bewusster und zielstrebiger, weil es ihr eigenes Ziel ist. Was aber nie nachgeholt werden kann, ist die Zeit der Kindheit und diese Zeit wird ihnen immer mehr geraubt, weil sie zunehmen zu Repräsentationsobjekten und -projekten ihrer Eltern werden. Sie werden früh in eine Art Konkurrenzkampf getrieben und zu narzisstischen Persönlichkeiten herangezüchtet. Immer mehr Eltern wollen immer weniger wissen, wer ihr Kind ist, sondern haben klare Vorstellungen davon, wie ihr Kind zu sein hat. Zu spüren bekommen das Kindergärten und Schulen und manchmal werden Pädagogen zu Mittätern. Das brave, angepasste und gute Noten produzierende Kind war schon immer der Traum vieler Lehrer. Ob das auswendig gelernte Wissen auch anwendungsbereit ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wo es Liebe und Zuneigung nur für gute Noten gibt, gehört der Liebesentzug zum neuen Bestrafungssystem. Auch das tut Kindern sehr weh.
Mit viel Kraft, Einfallsreichtum und bisweilen auch Aggressivität versuchen einige Eltern ihrem Kind einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Die Grundrichtung lautet: Alles nur keinen „normalen” Kindergarten oder eine „normale” Schule. Es muss etwas besonderes sein, weil ja auch ihr Prinzesschen etwas Besonderes ist. Ich habe sie regelmäßig am Telefon und sie diskutieren mit mir über das Wohl ihres hochbegabten Kindes und über die weitreichenden Folgen für dessen Persönlichkeitsentwicklung, wenn ich ihnen nicht helfe, diesen ganz besonderen Platz zu beschaffen. Ich kann aber nicht, ich darf auch nicht und ich will nicht!
Auch sanfte Drohungen verhelfen mir nicht zu der Einsicht, warum ein Kind im zarten Alter von drei Jahren Chinesisch lernen soll oder die Tochter auf ein katholisches Gymnasium gehört, wo doch die Eltern gar nicht katholisch sind und es auch gar nicht werden wollen. Und Maria Montessoris Pädagogik hat auch nichts mit elitärer Erziehung zu tun.

Diese Repräsentationskultur und Konkurrenzreflexion treiben immer mehr Kinder in seelische Not. Vor den Auswirkungen solcher Züchtungen dürfen wir durchaus Angst haben.

Wer in der Bildungsgesellschaft nicht mithält wird für krank erklärt. Wo Pillen nicht mehrt helfen, wird aussortiert. Wenn führende Politikerinnen und Politiker vor die Kameras treten und beflügelt von Studien und Gutachten über die Allmacht der Bildung reden, vom Humankapital sprechen und von Geistesleistungen als Rohstoff und wenn sie sehr gute Schulabschlüsse zur ausschließliche Berechtigung für ein sinnerfülltes Leben  machen, dann muss ich mich nicht wundern, wenn Kinder glauben, dass mit der Schulnote „3” das Leben zu Ende ist.

Der Glaube an die Entwicklungsfähigkeit junger Menschen geht verloren

Unsere Hochleistungsgesellschaft kann immer weniger damit umgehen, dass es auch Kinder gibt, die in bestimmten Fächern keine guten Noten produzieren, die nicht stundenlang still auf einem Platz sitzen und sich nicht konzentrieren können. „Je höher die Gesellschaft ihre Anforderungen ans reine abstrakte Denken schraubt, mehr Stress und Leistungsdruck inszeniert, umso mehr Kinder ? fallen raus. Für jede Abweichung von der Norm findet sich inzwischen eine Schublade mit Diagnoseschlüsseln?” so der freie Journalist RAINER KREUZER.
Die Kinder- und Jugendzeit, als eine Phase der Reife und Entwicklung, ist in Gefahr. So berichtet mir eine 17jährige Gymnasiastin von Suizidgedanken in ihrem Freundinnenkreis und eine 19jährige! Gymnasiastin von ihrer Kur nach einem Born out Syndrom. Ich hab ihr verschwiegen, dass dies leider beim Studium weiter so geht. Immer mehr Universitäten basteln sich ihren eigenen NC, um sich nicht mit den weniger guten Abiturienten herummühen zu müssen. Schließlich stehen auch sie jetzt im Exzellenz - Wettbewerb wegen des guten Rufes und wegen der Förderung durch den Bund. Der Erfolg wird durch vorweggenommenes Aussortieren gewährleistet.
Wir sollten darauf achten, dass im deutschen Bildungssystem der Glauben an die Entwicklungsfähigkeit junger Menschen nicht völlig verloren geht. Wir brauchen in diesem System wieder mehr Entdecker, Förderer und Mutmacher.

 

Erwachsene mögen keine Kinder?

Ja, das fragen mich Kinder auch, wenn ich mit ihnen z.B. über die demografische Entwicklung in Sachsen-Anhalt rede. Warum wollen die Leute keine Kinder mehr? Was ist an Kindern so schlimm? Mögen die Leute keine Kinder? Ich gebe zu, dass ich auf diese Fragen nicht immer eine kindgerechte Antwort weiß. Aber ich habe einen Verdacht.
Auch die Sachsen - Anhalter, leiden, was das Kinderkriegen anbetrifft, an Kopfschmerzen und Herzschwäche. Will sagen: Sie denken zu viel mit dem Kopf und entscheiden zu wenig mit dem Herzen, wenn es um die Verwirklichung des Kinderwunsches geht. „Kann ich mir ein Kind leisten, rechnet sich das, kann ich einem Kind alles bieten?” Mir drängt sich der Eindruck auf, für die Deutschen ist das Kinderkriegen eine Art Anschaffung. Man wägt ab, man zählt nach, man vergleicht, man konzipiert, konstruiert und verwirft, bis die biologische Uhr lauter tickt. Nach intensiver Risikobewertung steht der Plan und das Projekt „Leben mit Kind” wird in „Angriff” genommen oder auch nicht.  Ich beobachte mit  Sorge ein in den letzten zehn Jahren zunehmende Ökonomisierung auch in den sozialen Beziehungen. Die deutschen Varianten von „schönen und liebevollen Beziehungen” heißen: optimale, effiziente, wertschöpfende und kompetente Beziehungen. Bei so hohen Hürden kann man nur hoffen, dass die Liebe junge Leute wirklich „blind” macht, sonst wären sie alle beziehungsunfähig.  

Der weit verbreitete Perfektionismus, das materiellem Anspruchsdenken, das Streben nach hohem Erlebniswert im Alltag und pädagogisch hoch sinnvoller Freizeitgestaltung setzt Eltern und potentielle Eltern unter (selbst gewählten) Druck. Wer Kindern alles bieten will, soll sich umgekehrt einmal fragen, was sich die Kinder dann für ihr eigenes Leben noch selbst wünschen sollen, welche Träume es zu verwirklichen gilt und was sie motivieren wird. Was Kinder wirklich brauchen sind verlässliche und liebevolle Beziehungen in der Familie. Das ist der Kitt, der Familien zusammenhält. Das ist die Basis von der aus Kinder in das Leben starten und zu Meistern ihres Lebens werden.


Streit- und (Nach)Denkschrift des Kinderbeauftragten der Landesregierung zur forsa - Umfrage (pdf Datei) ...

  • Facebook-Icon
  • YouTube-Icon
  • Twitter-Icon
Mitmachen: Logo herunterladen!Logo Weltoffen

Wettbewerb "Kita malt"

Landeswettbewerb "Kita malt" - Bildergalerie
Landeswettbewerb "Kita malt" - Bildergalerie